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Weint nicht!

Gedanken

„Weint nicht!“

Ich kann in dieser Situation diesen Satz nur deswegen sagen, weil er nicht von mir stammt, sondern weil ihn Anni Michlik so gesagt hat, ganz bewusst so gesagt, kurz vor ihrem Tod.

Ihren Wunsch, den sie geäußert hat, werdet ihr kaum erfüllen können, zu tief ist euer Schmerz und eure Trauer, dennoch möchte ich ihre Worte hier wiederholen, dass sie euch Mut machen, gegen allen Schmerz dennoch zu hoffen.

Ihre Worte will ich auch deswegen bewusst hierher in die Mitte der Trauerfeier stellen und betrachten, weil allen hier Versammelten eher die Worte fehlen. So ein Tod macht stumm. Was soll man sagen, wenn eine Frau soviel Leid erleben und mit 56 Jahren schließlich sterben muss - wenn ihr soviel mitleiden musstet. Da helfen Worte nicht viel, da ist eher Schweigen angesagt, weil jedes dahingesagte Wort die Ratlosigkeit und Hilflosigkeit noch verstärkt.

Im Alltag meinen wir Menschen oft, wir hätten die Welt und das Leben relativ im Griff, man weiß, was wie funktioniert, wie man Leben planen und gestalten kann. Aber wenn wir auf einzelne Lebensschicksale blicken müssen, wenn wir hier das Lebensschicksal eines krebskranken Menschen vor uns haben, da merken wir plötzlich, wie viele Fragen doch offen sind, unbeantwortet, und wie sie unser Denken und vor allem unser Herz erschüttern. Es ist schwer, den offenen Fragen nach Leid und Tod, den Fragen nach den Schattenseiten des Lebens direkt gegenüberzutreten. Und oft suchen wir da vergeblich nach etwas, was noch "Ja" zu diesem Leben sagt, was uns Kraft gibt. Die Liebe zum Leben, die wird plötzlich so leer, so scheinbar sinnlos.

Tödliche Krankheiten, und nichts gegen das Sterben tun zu können, das sind schlimme Erfahrungen, die uns vor Augen führen, dass wir Menschen das Letzte und Entscheidende nicht festhalten können.

Sie, liebe Angehörige waren sich dessen in der Stunde des Abschiedes zusammen mit eurer Frau und Mutter voll bewusst: sie waren an ihrer Seite gestanden, haben das Leid gemeinsam ausgehalten im Bewusstsein, ihr Leben nicht mehr festhalten zu können. Und so war euer letzter Dienst für sie, ihr die Gewissheit mit auf ihren letzten Weg zu geben, dass sie ihr Leben auch loslassen darf, dass sie wenigstens in der Gewissheit gehen darf, dass sie sich keine Sorgen um euch machen muss.
Sie wollte euch nicht traurig sehen.

„Weint nicht!“
Wenn sie das gesagt hat, dann zeigt es ihre Art, zu leben. Eher an die Gefühle und Schmerzen der anderen zu denken, als ihren eigenen Abschiedsschmerz zeigen zu wollen.

Die Starke, die sie im Leben war, wollte sie auch im Sterben bleiben.

Anni wurde am 16. Februar 1952 in Zeckendorf geboren, dort ist sie auch aufgewachsen mit ihren zwei älteren Brüdern, die beide auch - so wie sie - viel zu früh sterben mussten.

Für euch war sie der Mittelpunkt eurer Familie, als die beste Mutter haben Sie sie bezeichnet, Ihre Ehefrau seit über 20 Jahren – ja und für euch 4 Enkel eine Oma, zu der man immer kommen konnte und gern gekommen ist.

Viel gearbeitet hat sie in ihrem Leben, war auch über ihre Arbeit immer mit vielen Menschen verbunden, viele Jahre als Bedienung, die letzten Jahre mit immer mehr Verantwortung in eurem eigenen KfZ-Unternehmen. „Chefmanagerin“ habt ihr sie liebevoll bezeichnet, das war nicht nur auf den Betrieb bezogen, nein auch für eure Familie hat sie alles geregelt, war Mitte, Dreh- und Angelpunkt. Ja, sie war beliebt und geschätzt von so vielen Menschen, weil sie selber gerne unter Menschen war, oft traf sie sich mit ihren Freundinnen aus Zückshut, auch beim Frauenbund in unserer Gemeinde war sie gerne dabei.

Seit 2 Jahren war sie schwer krank, hat gekämpft, immer wieder Hoffnung geschöpft – leider vergeblich gehofft. Da müssen wir auch hier unsere Fragen stellen dürfen vor Gott: Warum lässt du solches Leid für einen Menschen, für eine Familie zu? Warum? Wir können das nicht begreifen.

Wir sprechen da in ihrem Namen, sie hat selber auch gefragt: Warum sie solche Schmerzen ertragen muss, warum er sie nicht einfach sterben lassen kann, warum er ihr das antut.

Hier möchte ich – ohne Ihrem Kummer zu nahe zu treten wollen - dennoch dagegen sprechen. Er - Gott - hat ihr das nicht angetan, das kann ich einfach nicht glauben, wenn wir doch an einen gütigen Gott, an einen barmherzigen Vater glauben.
Warum aber dann solches Leid? Mein Glaube ist da so, wie es schon der Apostel Paulus ausdrückt, wenn er im Römerbrief schreibt: Die ganze Schöpfung ist noch nicht vollendet, alles, was lebt, ist noch unvollkommen und wartet auf seine Vollendung. Und die Allmacht des Schöpfers heißt nicht, dass er alles bis ins letzte Detail regelt, es heißt schon gar nicht dass er einem Leid zufügt, oder teilnahmslos zuschaut, wenn einer leidet. Das soll nicht unser Glaube sein. Wir glauben an einen Gott, der im Sterben eines Menschen selbst mitleidet, der mit den Trauernden weint - und das ist das Entscheidende unseres Glaubens - der dennoch alles zum Guten wenden wird.

Ich weiß, das sind eher hilflose Versuche, Trauer anzunehmen - Leider gibt es kein Rezept gegen diese tiefe Trauer, kein Gegenmittel, Trauer muss durchlebt werden in ihrem ganzen Schmerz.

Kann der Glaube helfen - kann er Kraft geben?

Eine Technik, wie man den Schmerz in der Trauer beseitigen kann, das gibt uns unser Glaube nicht.

Was dieser Glaube uns gibt, kann man nicht sachlich erklären - Glaube ist etwas, was man lebt und erfährt.

Anni Michlik hat geglaubt - das war spürbar, ihr hat es sehr viel bedeutet, auf ihrem Sterbebett mit euch zusammen zu beten, die Stärkung unseres Glaubens zu verlangen - das „Weint nicht“, das sie da gesagt hat, das war nicht einfach dahingesagt, sie konnte es so sagen, weil sie geglaubt hat!

Sie hat geglaubt, dass ihr Sterben kein Fortgehen für immer ist, sondern ein Vorausgehen an einen Ort, den wir alle einmal sehen werden.

Sie haben darum gebeten, dass ich hier auch in ihrem Namen ein großes Danke anfügen soll, einen Dank für die so menschliche ärztliche Betreuung hier in Breitengüßbach und die fürsorgliche Begleitung im Hospizhaus in Bamberg.

Traueransprache für Oma Anni am 13. Februar 2009
von Manfred Herl


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